Krisenmanagement, Verantwortung und die Frage nach den Verantwortlichen
Mit dem Begriff „Krisenmanagement“ verbinde ich zunächst eine ganz einfache Voraussetzung:
Wer eine Krise lösen will, muss zunächst ihre Ursachen erkennen und benennen. Erst danach kann man sinnvoll über Lösungen und deren Umsetzung sprechen.
Krisenmanagement kann deshalb aus meiner Sicht nicht darin bestehen, einen Krisengipfel nach dem anderen abzuhalten. Denn wenn immer wieder neue Krisengipfel notwendig werden, stellt sich doch zwangsläufig die Frage:
Was wurde eigentlich bei den vorherigen Krisengipfeln gelöst?
Um im Bild zu bleiben: Kein Bergsteiger würde eine immer wiederholte „Erstbesteigung“ desselben Gipfels als Ziel seines Weges bezeichnen. Einen Gipfel kann man nur einmal erst besteigen. Jeder weitere Aufstieg ist eine Wiederholung.
Der Bergsteiger kennt sein Ziel – den Gipfel – und richtet seinen Weg darauf aus. Hat er ihn bei einer Erstbesteigung erreicht, ist sein ursprüngliches Ziel erfüllt.
Warum scheint dieses Prinzip beim politischen „Krisenmanagement“ nicht zu gelten?
Wenn Krisen immer wieder neu behandelt werden müssen, obwohl bereits zahlreiche Gipfel, Kommissionen, Maßnahmen und politische Entscheidungen stattgefunden haben, stellt sich für mich eine grundlegende Frage:
Ist das Krisenmanagement vielleicht schon an der Erkenntnis und Beseitigung der eigentlichen Krisenursachen gescheitert?
Wer trägt die Verantwortung?
Und weil sich im politischen Krisenmanagement gewissermaßen die „Auserwählten“ und „Gewählten“ befinden, stellt sich für mich eine weitere Frage:
Was bewegt Menschen dazu, sich in verantwortungsvolle politische Positionen wählen zu lassen, Richtlinien der Politik vorzugeben und damit Verantwortung zu übernehmen, wenn im Ergebnis einer Krise anschließend kaum ein Verantwortlicher zu finden ist?
Gerade darin sehe ich einen entscheidenden Widerspruch:
Mit einer Wahl wird den Gewählten nicht nur ein Amt, sondern auch Verantwortung übertragen.
Wer politische Richtlinien bestimmt, Gesetze verabschiedet und Entscheidungen trifft, muss sich deshalb auch daran messen lassen, ob die angestrebten Ziele tatsächlich erreicht werden.
Wenn das Ziel nicht erreicht wird, muss doch die Frage erlaubt sein:
Wer ist dafür verantwortlich?
Wer hat den Weg vorgegeben?
Wer hat die Entscheidungen getroffen?
Wer hat die Maßnahmen beschlossen?
Und wer trägt die Verantwortung dafür, wenn das angestrebte Ergebnis ausbleibt?
Dabei unterstelle ich nicht jedem, der sich zur Wahl stellt, von Anfang an schlechte Absichten. Im Gegenteil: Viele Menschen dürften zunächst tatsächlich davon überzeugt sein, etwas verändern und verbessern zu können.
Aber was geschieht mit diesen Vorsätzen, wenn das angestrebte Amt erreicht ist?
Was lässt Menschen von dem Weg abweichen, den sie ursprünglich selbst als richtig bezeichnet haben?
Verantwortung und Richtlinienkompetenz
Mich interessiert deshalb ganz grundsätzlich, wie Verantwortung und Richtlinienkompetenz in der politischen Praxis tatsächlich wahrgenommen werden.
Was bedeutet Verantwortung, wenn auf Worte keine oder sogar entgegengesetzte Taten folgen?
Und vor allem:
Wie, woran und durch wen wird politische Verantwortung überprüft?
Wer kontrolliert diejenigen, die selbst die Regeln und politischen Richtlinien bestimmen?
Wer überprüft, ob ihre Entscheidungen mit dem übereinstimmen, was sie zuvor versprochen und als Ziel formuliert haben?
Und wer zieht Konsequenzen, wenn dies nicht der Fall ist?
Wiederum diejenigen, die selbst Teil dieses politischen Systems und dieser politischen Elite sind?
Dann stellt sich doch die nächste Frage:
Wer kontrolliert die Kontrolleure?
Der Amtseid und die Verantwortung „vor Gott und den Menschen“
Besonders schwer verständlich ist für mich in diesem Zusammenhang der Amtseid.
Wie ist die Aussage zu verstehen, man werde seine Verantwortung „vor Gott und den Menschen“ wahrnehmen, wenn nach einer Amtszeit oder nach politischen Fehlentscheidungen weder ein konkreter Mensch noch – selbstverständlich – der angerufene Gott für die Folgen zur Verantwortung gezogen werden kann?
Welchen Sinn hat ein Eid, wenn seine Verletzung keine nachvollziehbare Verantwortung nach sich zieht?
Und wenn bei einem Amtseid Gott angerufen wird, stellt sich für mich sogar eine noch grundsätzlichere Frage:
Welcher Gott ist damit gemeint – und worin besteht dessen Macht, wenn weder derjenige, der den Eid leistet, noch der angerufene Gott anschließend für die Folgen verantwortlich gemacht werden kann?
Die „Auserwählten“ und die Macht der Worte
Manchmal entsteht bei mir deshalb der Eindruck, dass der Begriff „Elite“ oder „Auserwählte“ nicht unbedingt diejenigen beschreibt, die besondere Verantwortung übernehmen, sondern möglicherweise diejenigen, die besonders gut darin sind, Unverantwortlichkeit, Versagen oder gebrochene Versprechen in wohlklingende Worte, politische Formulierungen und Plattitüden zu verpacken.
Dabei geht es mir nicht darum, alle Politiker oder alle politischen Entscheidungen pauschal zu verurteilen.
Mir fehlt vielmehr etwas Grundsätzliches:
das konsequente Nachhaken.
Welchem Gewissen fühlt sich ein politischer Repräsentant tatsächlich verpflichtet?
Wessen Gewissen ist gemeint?
Woran lässt sich seine Verantwortung konkret festmachen?
Wer überprüft die Übereinstimmung zwischen Wort und Tat?
Und wer benennt diejenigen, die ihre eigenen Versprechen und damit möglicherweise auch ihre Verantwortung gebrochen haben?
Die eigentliche Frage
Für mich geht es deshalb letztlich nicht nur um Krisen, Politik oder einzelne Entscheidungen.
Es geht um einen viel grundlegenderen Zusammenhang:
Wer Verantwortung übernimmt, muss auch für die Ergebnisse seines Handelns verantwortlich sein.
Wer Richtlinien vorgibt, muss sich daran messen lassen.
Wer Ziele formuliert, muss erklären, warum sie nicht erreicht wurden.
Wer Gesetze beschließt, muss sich fragen lassen, ob sie das bewirken, was sie bewirken sollen.
Und wer einen Eid leistet, muss erklären können, was dieser Eid tatsächlich bedeutet.
Vielleicht fehlt uns deshalb weniger ein weiterer Krisengipfel als vielmehr ein konsequentes Verantwortungsmanagement:
Nicht ständig neue Gipfel zu erklimmen,
sondern endlich zu klären,
wer den Weg bestimmt hat,
wer ihn gegangen ist,
warum das Ziel nicht erreicht wurde
und
wer dafür die Verantwortung trägt.
Und wenn dabei immer wieder Gott als Zeuge, Beistand oder Grundlage des Eides angerufen wird, dann darf auch die Frage gestellt werden:
Welchen Gott haben wir da eigentlich angerufen – und was bedeutet es, wenn dieser Gott zwar für Recht, Gesetz und Eid bemüht wird, aber scheinbar niemals selbst zur Verantwortung gezogen werden kann?
Vielleicht liegt genau darin der Widerspruch, den wir endlich offen benennen sollten:
Viele reden von Verantwortung – aber nur selten wird sie konkret benannt.
Viele berufen sich auf Wahrheit – aber nur selten werden Worte konsequent an Taten gemessen.
Viele berufen sich auf Gott – aber nur selten wird gefragt, was dieser Bezug tatsächlich bedeutet.
Und vielleicht wäre genau dieses Nachhaken der erste Schritt zu einem wirklichen Krisenmanagement:
Nicht die nächste Krise zu verwalten, sondern die Ursachen zu erkennen, die Verantwortung zu benennen und dafür zu sorgen, dass aus Worten auch tatsächlich Taten werden.
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