Ich versuche jetzt mal die Fragen - und habe dabei auch die KI zu Hilfe genommen - zu stellen, die Journalisten in den Medien und Talkshows komischerweise nie stellen?
Ist der demografische Wandel und damit das auftretende Problem der Finanzierbarkeit in der Gesellschaft tatsächlich nur ein Problem der Gruppe derjenigen, die für ihre Altersvorsorge und -versorgung selber eine eigene Versicherungsleistung erbracht haben?
Und ist es gerecht, nur an diese Gruppe dahingehend zu deklarieren, dass diese Gruppe doch auch an die zukünftigen Generationen denken und deshalb verzichten müsse?!
Oder ist die Altersversorgung und – vorsorge und deren Finanzierbarkeit nicht grundsätzlich ein Problem der Gesamtgesellschaft (siehe Beamte, Politiker etc.)?!
Um über eine gerechte Generationsdebatte zu diskutieren, müsste da nicht ebenfalls die Gesamtgesellschaft einbezogen sein und werden?!
Wenn eine Gesellschaft immer wieder sagt: „Das muss fair und gerecht sein.“ dann müsste sie eigentlich auch bereit sein, die nächste Frage zu beantworten: „Fair und gerecht nach welchem Maßstab?“ Und danach: „Wer hat diesen Maßstab festgelegt?“
Und danach: „Warum soll gerade dieser Maßstab für alle Mitglieder dieser Gesellschaft gelten?“ Und schließlich: „Wird dieser Maßstab auf vergleichbare Sachverhalte tatsächlich vergleichbar angewandt?“
Das letzte ist besonders wichtig. Denn Gerechtigkeit bedeutet nicht nur, einen Maßstab zu besitzen.Sie bedeutet auch, ihn konsistent anzuwenden.
Nehmen wir beispielsweise die beiden Altersversorgungssysteme:
1) die gesetzliche Rente und
2) die Politiker und Beamtenversorgung.
Man kann selbstverständlich begründen, warum sie unterschiedlich funktionieren.
Aber wenn man behauptet, beide seien innerhalb unserer Gesellschaft gerecht, dann müsste man eigentlich offenlegen:
• Welche Leistung wird jeweils bewertet?
• Welche Beiträge werden während des Erwerbslebens berücksichtigt?
• Welche Risiken trägt der Einzelne?
• Welche Ansprüche entstehen daraus?
• Wer finanziert diese Ansprüche?
• Welche gesellschaftliche Leistung wird dafür vorausgesetzt?
• Und nach welchem Gerechtigkeitsprinzip wird der Unterschied zwischen beiden Systemen gerechtfertigt?
Dann wird aus einer technischen Frage: „Warum ist die Pension anders als die Rente?“ eine gesellschaftliche Grundsatzfrage: „Weshalb, warum und wodurch ist diese unterschiedliche Bewertung und Honorierung gesellschaftlicher Leistung gerecht?“
Ein und dieselben Forderungen der Politik, der Herrschenden und Regierenden sind seit Jahren/Jahrzehnten: „der Kuchen muss größer“ - oder „es muss verzichtet (eingespart) - werden“.
Bis vor ein paar Jahren ist der Kuchen ja immer größter geworden. Aber bei der Verteilung der Kuchenstücke kam es dazu, dass die Kuchenstücke der einen trotzdem immer kleiner (gespart) werden mussten. Bei anderen hingegen wurden diese Stücke immer größer.
Der entscheidende Punkt bei dem gesellschaftlichen Ganzen ist wohl das „Werte-System“, das werten und bewerten.
Das Problem ist möglicherweise nicht, dass Deutschland zu wenig Kuchen backt, sondern dass wir bei einem über Jahrzehnte erheblich größer gewordenen Kuchen weitgehend an Verteilungs- und Bewertungsmaßstäben festhalten, die nicht zwingend widerspiegeln, welchen Beitrag einzelne Menschen tatsächlich zum Funktionieren der Gesellschaft leisten.
Und daraus folgt die noch unbequemere Frage:
Wer bestimmt diese Bewertungsmaßstäbe?
Denn wenn diejenigen, die über die Verteilung entscheiden, gleichzeitig politischen, wirtschaftlichen oder institutionellen Interessen ausgesetzt sind, dann ist die Verteilung eben nicht mehr nur eine ökonomische Frage.
Sie wird zu einer Macht- und letztlich zu einer Gerechtigkeitsfrage.
Wir haben bisher lediglich erklärt, wie die Verteilung zustande kommt.
Nach welchen Maßstäben entscheidet eine Gesellschaft, was gerecht ist – und wer besitzt eigentlich die Legitimation, diese Maßstäbe festzulegen?
Wenn ein Politiker sagt:
„Diese Entscheidung ist gerecht.“
dann müsste man eigentlich unmittelbar fragen:
„Nach welchem Gerechtigkeitsmaßstab?“
Denn „gerecht“ und „gleich“ sind nicht dasselbe
Das wird in politischen Debatten häufig miteinander vermischt.
Gleichheit könnte bedeuten:
Jeder bekommt dasselbe.
Leistungsgerechtigkeit:
Wer mehr beiträgt, bekommt mehr.
Bedarfsgerechtigkeit:
Wer mehr benötigt, bekommt mehr.
Chancengerechtigkeit:
Jeder soll vergleichbare Möglichkeiten haben.
Verteilungsgerechtigkeit:
Die Unterschiede bei den Ergebnissen müssen gesellschaftlich begründbar sein.
Und möglicherweise gibt es noch weitere Vorstellungen.
Das bedeutet:
Bevor man über eine „gerechte“ Verteilung sprechen kann, muss man eigentlich zunächst klären, was man überhaupt unter Gerechtigkeit versteht.
Die entscheidende gesellschaftliche Frage ist nicht, ob jeder dasselbe Stück vom Kuchen erhält, sondern nach welchen allgemein nachvollziehbaren und für alle gleichermaßen geltenden Maßstäben entschieden wird, wie groß das jeweilige Stück sein soll – und wer überhaupt die Legitimation besitzt, diese Maßstäbe als „gerecht“ festzulegen.
Und ich würde noch einen Satz hinzufügen:
Denn wer die Maßstäbe der Gerechtigkeit bestimmt, bestimmt letztlich nicht nur die Größe der Kuchenstücke, sondern auch, was innerhalb einer Gesellschaft als Leistung, als Verdienst, als Bedürfnis und damit als gerecht gilt.
Es geht eigentlich um die Frage:
Wer definiert die Regeln unseres gesellschaftlichen Zusammenlebens – und woran messen wir, ob diese Regeln tatsächlich gerecht sind?
Und gerade wenn das Wort „gerecht“ oder „fair“ bei nahezu jeder politischen Entscheidung als Begründung verwendet wird, wäre es eigentlich nur konsequent, genau diese Begründung selbst immer wieder zur Diskussion zu stellen.